mystory - ich lerne Demokratie




Hellmut Schmidt starb mit 96. Von Willy Brandts Politik habe ich als Kind profitiert. Bildung für alle. Helmut Schmidt aber war der Kanzler mit dem ich Demokratie gelernt habe.

1. Ich war  ganz und gar gegen diesen Nato-Doppelbeschluss. Für mich war klar mehr Waffen bringen nicht mehr Frieden. Und ich wollte mitdemonstrieren gegen diesen Unsinn. Mitmachen bei der Menschenkette von Ulm nach Stuttgart, die am Ende 108 km lang wurde und bei der mehr als 250.000 Menschen teilgenommen haben,

Am Samstag 22. Oktober 1983 musste ich arbeiten. Also. ich war Schülerin, aber im Familienbetrieb fragt man nicht nach dem Alter. Bei uns im Laden zu bedienen konnte man schließlich, sobald man lesen und rechnen konnte.

Mein Vater wusste, dass ich demonstrieren wollte. Demonstrieren, das war für ihn so etwas kurz vor Anarchie. Er fand, dass Helmut Schmidt nur einen Fehler hatten, nämlich in der falschen Partei zu sein. Ich habe verhandelt und er blieb stur. Ich sollte wie fast jeden Samstag arbeiten, schließlich war das unsere Abmachung und Geld bekam ich auch dafür .Gut ich bin zum Arbeiten gekommen. Ein Spaß war dieser Tag für uns beide nicht. Ich habe geschwiegen den ganzen Tag. Klar, die Kunden habe ich freundlich bedient, wie immer, ansonsten war ich eisig. Mein Vater war ein Softie. Ich wusste, dass ihn das furchtbar quält. Irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und gesagt ich soll jetzt gehen.

Und ich ? Ich war völlig überrascht und unvorbereitet. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass  er nachgibt und ich wusste auch gar nicht, wo die Menschenkette durch unsere Stadt lief. Ich bin nicht gegangen (ganz schön feige, ein komischer Sieg).  Aber von dem Tag an wussten mein Vater und ich, dass wir politisch anderer Meinung sind und dass wir das zukünftig anders austragen werden. Konnten wir dann auch, und zwar mit Reden und Respekt.

2. Meine Schule war eine politische Schule, so empfand ich das damals. Lehrer die 68er geprägt waren und alte Lehrer, die nichts mehr erschüttern konnten trafen aufeinander und machten die gute Mischung aus. Am 1. Oktober 1982 gab es nicht wirklich regulären Unterricht. Die Fernseher liefen und es war einem freigestellt, ob man schauen wollte oder nicht. Also die Großen. Ich war in der Mittelstufe und man war so zwischen Baum und Borke.Trotzdem, auch wir haben geschaut, und zwar konstruktives Misstrauensvotum. Spannend, na ja meistens, Hauptsache kein normaler Unterricht. Am Ende war Kohl Kanzler und Helmut Schmidt der erste Gratulant und meine Generation wusste, wie so ein konstruktives Misstrauensvotum funktionierte und dass Verrat zur Politik gehört.

Beide Dinge gehören für mich in meiner Erinnerung zu Helmut Schmidt, obwohl er 1983 schon nicht mehr Kanzler war, aber es war seine Politik, die hier wirkte und meine Generation hatte damit die Chance Grün zu werden.

stadtlandjob

Zwei Wohnsitze, ein großes G und ein kleines g/Tochterkind, ein Job. Mein Leben ist nicht immer sehr entspannend. Dazwischen versuche ich noch zu backen (das Kochen habe ich an den männlichen Teil der Elternschaft abgetreten), zu joggen und ein paar andere wichtige und unwichtige Dinge zu erledigen und dabei Spaß zu haben..

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